Liebe auf den zweiten Blick – Moab

Liebe auf den zweiten Blick – Moab

Hinter der nächsten Kuppe erwartet uns Grau.

Direkt hinter Durango geht es einen kleinen Pass hinauf. Dahinter eröffnet sich eine Hochebene auf 2500 Metern. Rechts und links von uns grüne Wiesen und weiss bestäubte Wälder. Der Regen im Tal hat hier oben als Schnee die Bäume angezuckert und die Gipfel zugedeckt. Dazwischen windet sich der Highway 160 in weiten Bögen. Hinter der nächsten Kuppe erwartet uns Grau. Es wird schnell zu Schnee. Von der lieblichen Landschaft ist nichts mehr zu sehen. Wir fühlen uns bestätigt in unserer Entscheidung, den Tag zum Fahren zu nutzen.

Von der lieblichen Landschaft ist nichts mehr zu sehen...

Von der lieblichen Landschaft ist nichts mehr zu sehen...

Vor unserer Anfahrt sind wir noch mit Fran und Mike ins Gespräch gekommen, unsere Camper-Nachbarn. Sie kommen aus Pennsylvania und reisen seit über einem Jahr durch die USA und Kanada – stilvoll mit einem Airstream. In Moab – unserem nächsten Ziel – waren sie natürlich schon und haben auch eine Campingplatz-Empfehlung für uns. Leider erreichen wir niemanden, um zu reservieren. Also fahren wir auf gut Glück los. „Es ist Donnerstag, da wird wohl noch was frei sein“, denken wir.

Schäfchenwölkchen grasen auf blauer Himmelwiese.

Beim Überqueren der Staatsgrenze zu Utah grasen Schäfchenwölkchen auf blauer Himmelwiese über uns. Nur die löchrige Schneedecke neben dem Highway erinnert an das Schneetreiben von vorhin.

Es dauert nicht lange und die für Utah typischen Sandsteinformationen türmen sich vor uns auf. Beim Wilson Arch halten wir an und kraxeln hinauf zu dem Sandsteinbogen. Schon von unten finde ich seinen Anblick imposant. Als ich 1,69-Menschlein unter dem Sandsteinbogen stehe erscheinen mir seine Ausmasse noch eindrucksvoller – wenn auch nicht greifbarer.

Wir arbeiten uns stadtauswärts.

Auf dem Campingplatz, den Fran und Mike uns empfohlen haben, ist kein Platz mehr frei. Zumindest nicht für unseren 30-Fuss Camper. Es wäre toll, hier zu stehen – dann könnten wir zu Fuss in die Stadt laufen. Alle anderen Campingplätze liegen weiter ausserhalb. Wir arbeiten uns stadtauswärts. „Sorry, we are fully booked.“ Immer wieder die gleiche Antwort. Es ist unser Fehler: wir hätten vorab reservieren sollen. Und trotzdem beeinflusst das meinen ersten Eindruck von Moab: ich fühle mich nicht gerade erwünscht von dieser Stadt.

Beim 5. Campingplatz haben wir dann Glück: aufgrund des grossen Andrangs wegen eines Quad Event ist das Overflow Parking geöffnet und wir bekommen ein überraschend nettes Plätzchen für unseren Camper. Es ist zwar ohne Wasser, Strom und Picknick-Tisch. Dafür mit Blick auf die Berge, abseits vom Highway-Lärm für nur 24 USD pro Nacht. So haben sich zumindest die beiden Campingstühle und der Tisch rentiert, die wir gemietet und bisher noch kein einziges Mal verwendet haben.

Cheers 

Cheers 

Nach dem unwillkommenen Empfang wird mir Moab nicht sympathischer.

Die Campingplatz-Suche ist uns eine Lehre. Wir buchen für den nächsten Tag eine Shuttlefahrt statt am Morgen nach dem Tagesbefinden zu entscheiden. Denn – soweit wir uns erkundigt haben – ist es zwar möglich zu den Trails zu treten, aber nicht lohnend. Ich habe schon viel über die Trails in Moab gelesen und gesehen – und bin davon ausgegangen, dass man in einem Mountainbike-Mekka auch Mountainbike fahren und nicht ausschliesslich Trails surfen kann. Ich bin enttäuscht – nach den langen Autofahrten sehne ich mich nach ein bisschen Bewegung und wäre gerne hochpedaliert. Nach dem unwillkommenen Empfang wird mir Moab dadurch nicht sympathischer.

Auf dem Weg zu Moab Cyclery wo unser Shuttle um 10:30 abfahren wird, schauen wir bei Rim Tours vorbei. Am nächsten Tag würden wir gerne mit ihnen shuttlen. Leider treffen wir die Inhaber Matt Hebberd und Kirstin Peterson nicht persönlich (Matt ist ein Mountainbike Pioneer und kennt sicher die ein oder andere Geschichte aus den Anfangszeiten des Mountainbikens in Marin County).

Der legendäre Slick Rock Trail wurde ursprünglich für Quads angelegt

Wir erfahren, dass Rim Tours ausschliesslich geführte Touren -  auch Mehrtagestouren – anbietet. Obwohl wir keine Tour buchen wollen, ist Franklin sehr hilfsbereit. Er empfiehlt uns Magnificent 7 mit Shuttle – gut, dass wir den schon am Vorabend reserviert hatten ;) Denn kurzfristig ist es anscheinend kaum möglich. Ausserdem würden sich The Whole Enchilada und die Navajo Rock Loops lohnen. The Whole Enchilada steht auf dem Plan für den nächsten Tag. Die Navajo Rock Loops konnten wir leider nicht mehr fahren, sodass ich euch hierzu keine persönliche Einschätzung geben kann. Vom legendären Slick Rock Trail hingegen rät er ab. Er wurde in den 60ern angelegt, aber nicht zum Mountainbiken, sondern für Quads.

Wer eine geführte Tour möchte, ist bei Rim Tours sicher gut aufgehoben. Meiner Meinung nach braucht man in Moab allerding keinen Guide – zumindest nicht beim ersten Besuch. Die Trails sind alle sehr gut ausgeschildert. Wir haben uns nie verfahren. Wer schon alle Trails kennt, für den lohnt es sich wahrscheinlich, mit einem Local unbekanntere Trails zu fahren.

Diese Blicke - einfach nur wow!

Diese Blicke - einfach nur wow!

Schon im Shuttle ist meine Enttäuschung verflogen

Nach den ersten Trailmetern ist meine Enttäuschung verflogen. Wobei – eigentlich schon im Shuttle, wo sich mit den anderen Mountainbikern schnell ein gutes Gespräch über Reifengrössen und Elektroantrieb und andere Unterschiede zwischen Deutschland und den USA entspinnt.

Der Trail begrüsst mich mit weiten Bögen.

Was mir an The Magnificient 7 besonders gut gefällt: der Trail lässt mir Zeit, ins Fahren zu kommen. Mit weiten Bögen begrüsst er mich, zeigt mir dann und wann dass er auch anders kann und steigert sich kontinuierlich im Schwierigkeitsgrad bis zum fulminanten Finale – dem Portal Trail.

Der grösste Teil des Trails ist ausschliesslich für Mountainbiker. Streckenweise teilen wir uns den Weg mit Quads, Motocrossern oder Wanderern – ganz einvernehmlich. Die Quad Fahrer bieten uns Wasser an oder feuern uns bei Anstiegen an. Die Wanderer fragen neugierig-ungläubig wo wir denn mit unseren Bikes herkämen. Und auch die Mountainbiker sind sehr freundlich und zivilisiert – wir begegnet keinem einzigen Rowdy. 

Hin und wieder quäle ich mich ganz gerne bergauf - ich bin versöhnt mit Moab ;)

Und dann komme ich bei einem knackigen Anstieg über Felsen mit grossen Absätzen in der Mittagssonne ordentlich ins Schwitzen – ich bin versöhnt mit Moab ;) Auch wenn ich Downhills liebe – ich gebs zu: hin und wieder quäle ich mich ganz gerne bergauf. Ausschließliches Hinunterfahren finde ich am Ende des Tages dann doch etwas unbefriedigend. Die Aussicht vom Rim senkrecht hinunter macht mich schwindlig. Sie entschädigt für jedes vergossene Schweisströpfchen. Ok, vielleicht trägt die Anstrengung auch dazu bei. Ich war die einzige Frau am Berg und habe es mir nicht nehmen lassen ohne abzusteigen die steilen Rampen bis zum view point oben durchzufahren.

Der Portal Trail erlaubt keinen Fahrfehler – ein Sturz würde etliche Meter tiefer enden.

The Magnificient 7 ist mein persönlicher Lieblingstrail von allen Trails, die wir in diesem Urlaub gefahren sind. Vielleicht sogar der schönste Trail, den ich je gefahren bin? Vielleicht liegts auch einfach daran, dass er für mein Fahrkönnen genau die richtige Schwierigkeit hat? Mit Sicherheit aber an den atemberaubenden Aus- und Tiefblicken! Ich konzentriere mich die ganze Zeit auf die Linienwahl und steige nur selten ab. Dadurch bleibe ich die ganze Zeit im Flow. Zwischendurch gibt es knifflige Passagen – die meisten fahre ich. Bei wenigen steige ich ab – oft wenn es steile Stufen bergauf geht, für die ich nicht die nötige Schnellkraft in den Beinen habe. Und am Ende schiebe ich auch einiges. Der Portal Trail führt an einem senkrecht abfallenden Hang entlang und erlaubt keinen Fahrfehler – ein Sturz würde etliche Meter tiefer enden. Nach 35 Trailkilometern, gut 1000 Tiefenmetern (fühlt sich viel mehr an) und ein paar knackigen Höhenmetern, reichen Kraft und Konzentration einfach nicht mehr.

Wir fallen ins Bett – glücklich-erschöpft

Der Trail entlässt uns mit breitem Grinsen. Und ausgepowert – obwohl wir geshuttlet sind. Ziel erreicht ;) Über Strasse pedalieren wir noch ein paar Meilen zurück zu unserem Campingplatz. Nach einer grossen Portion Spaghetti Carbonara fallen wir glücklich-erschöpft ins Bett.

Von unseren weiteren Erlebnissen in Moab – wie viel man in zwei Tagen erleben kann! – berichte ich im nächsten Blogpost. Da werde ich euch auch wie gewohnt mit Tipps und Hintergrundinformationen zu Moab versorgen.

Magnificient 7 Moab

Wer unseren Roadtrip von Anfang an verfolgen möchte, erfährt hier von unseren Urlaubsplänen und der geplanten Reiseroute. Über unsere Erlebnisse in Denver berichte ich hier, über Durango hier.


Reisen ist Raum fürs Überraschen-Lassen – Moab Teil 2

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All Things Bike – Durango

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